#4 Der Tod der Zukunft

Der Kreislaufgedanke spielt in der nachhaltigen Gestaltung eine große Rolle. Cradle to Cradle – von der Wiege in die Wiege – orientiert sich dabei an der Natur. Alles Alte wird zum Aufbau von Neuem eingesetzt. Für die Architektur heißt das, dass man nur Baumaterialien benutzt, die weiterverwendet werden können.
In etwas erweiterter Zukunft könnten Gebäude durch die Nutzung von Bakterien, Pilzkulturen oder pflanzlichen Zellgeweben entstehen. Sie wären damit nicht nur nachwachsend, einfach zu reparieren, sondern auch einwandfrei recycelbar. Konsequent umgesetzt wäre das Prinzip eine Welt ohne Müll. Ein perfekter Kreislauf – basierend auf einer radikalen Denkweise in Kreisläufen.
Dieses Prinzip wird mehr oder weniger stark auf vielen Ebenen angewendet. Beispielsweise in der Elektronikbranche, in der die Geräte nach der Nutzungsphase eingeschickt werden können. Die Unternehmen recyclen die einzelnen Komponenten und führen sie wieder den unterschiedlichen Stoffströmen zu.

 

Doch wie ist es eigentlich mit uns?

Also unserem menschlichen Körper? Der Materialwert eines aktuellen iPhones liegt bei ca. 450 €, der reine Materialwert eines menschlichen Körpers liegt bei ca. 2500 €, ungeachtet der Preise für Organe, die transplantiert werden könnten. Hinzu kommen womöglich künstliche Hüftgelenke, OP-Schrauben etc., die meist aus Titan, Edelstahl oder Kobalt-Chrom-Molybdän bestehen.

2019 starben 55,4 Millionen Menschen weltweit, das sind gute 152.000 Sterbefälle pro Tag. Man mag meinen, dass eine Beerdigung, wie z. B. die klassische Erd- oder Feuerbestattung, dem natürlichen Kreislauf entspricht. Bei dieser Vielzahl an Leichen ist dem aber nicht so.
Zum einen ist die Bodenbeschaffenheit meistens nicht für eine gute Zersetzung des Leichnams geeignet, insbesondere nicht, wenn über Jahre regelmäßig Beisetzungen stattgefunden haben. Falls eine vollständige Verwesung (außer den Knochen) möglich ist, geschieht dies innerhalb von 20 – 40 Jahren. In dieser Zeit sind immerhin weitere 1,6 Milliarden Menschen von der Erde gegangen. Eine Rechnung, die letztendlich nicht funktioniert. Außerdem sammeln sich durch unsere Ernährung und medikamentöse Behandlung immer mehr Fremdstoffe in unserem Körper an, die nicht in die Erde gehören, da sie schädlich für das Ökosystem sind.

Hinzu kommt, dass durch die Zersetzung erhöhte Konzentrationen an Phosphor, Eisen und Zink in die Erde gelangen, und dadurch schnell eine „Überdüngung“ stattfindet. Natürlich wird nicht jeder Körper direkt in die Erde gegeben und auch nicht jeder Leichnam wird mit „deutschen“ Standards bestattet. Trotzdem ist auch der Platzbedarf nicht von der der Hand zu weisen.

 

Doch auch die Feuerbestattung hat ihre Nachteile. Die giftigen Stoffe gelangen zwar nicht unmittelbar in die Erde, dafür aber in die Atmosphäre.

Auch wenn die meisten Krematorien Filtersysteme haben, sind diese nach Jahren des Gebrauchs hoch toxisch und müssen in einem Salzstock endgelagert werden (vgl. Witte 2014). Kremationsöfen müssen bei 760 – 1.150°C für 75 Minuten pro Einäscherung betrieben werden, das verschlingt einen immensen Bedarf an Energie. In etwa 285 Kilowattstunden Gas und 15 Kilowattstunden Strom, das ist in etwa der Kraftstoff- und Emissionswert von zwei SUV-Tanks (vgl. mymoria 2021). Der weltweite CO2 Verbrauch aus diesen Verbrennungsöfen beträgt rund 6,8 Millionen Tonnen CO2 – jedes Jahr. Das macht in etwa 0,02 % des weltweiten CO2 Ausstoßes aus. (vgl. Chestney 2012).

 

Das sind Zahlen und Erkenntnisse, die wir verdrängen, an denen wir nichts ändern möchten, da sie mit dem Tod zu tun haben. Wenn wir den Klimawandel stoppen und uns als Menschheit weiterentwickeln möchten, gehören dazu aber auch Themen, die wir vielleicht lieber weiterhin ausblenden möchten. In gewisser Weise ist es paradox, dass wir in großen Worten von Zukunft sprechen, aber unser aller Zukunft, nämlich den Tod, ausblenden. Dass wir die Zukunft als etwas Positives wahrnehmen, Chancen und Gestaltungspotenzial sehen – die bessere neue Welt, aber ein entscheidendes und sicheres Puzzlestück in der Zukunft nach wie vor nicht anrühren, nicht verändern, nicht modernisieren wollen. Die Gesellschaftsstrukturen ändern sich, kaum jemand geht noch regelmäßig zum Friedhof, pflegt das Grab und nutzt den Ort für die Erinnerung an die Verstorbenen.

Warum halten wir also weiterhin an den alten Strukturen fest, wenn wir uns doch selbst nicht mehr richtig mit ihnen identifizieren können? Die Biomasse der Menschen ist wertvoll und zugleich schädlich. Vermeiden wir doch den Schaden, ja, nutzen sogar das Potenzial (vgl. Noah 2020).
Ich spreche davon, den menschlichen Körper auch als Stoffkreislauf zu sehen: Alles Alte wird zum Aufbau von Neuem eingesetzt.
Wie z. B. die bereits in den USA existierende gemeinnützige Organisation „Recompose“. Wie der Name schon verrät, geht es hier um die Kompostierung von Leichen unter künstlichen Bedingungen. So wird aus dem menschlichen Körper innerhalb von 30 Tagen Erde, die die Angehörigen mitnehmen oder an Naturschutzorganisationen spenden können. Dabei wird die Leiche zusammen mit einer kohlenstoff- und stickstoffreichen Mischung aus Holzspänen, Luzernen und Stroh in einen Behälter gelegt. Ein Lüftungssystem sorgt für die nötige Sauerstoffzufuhr, damit die Mikroben den Körper zersetzen können.

 

Parkgelände, wie z. B. das Nippesser Tälchen, könnten zu Erholungs- und Erinnerungsstätten werden. Hochbeete, in denen Blumen sprießen – aus der Erde unserer Hinterbliebenen. Schmetterlinge umkurven die blühenden Sträucher und Bienen klauen den Nektar. Somit tragen wir weiterhin zu mehr Biodiversität bei und bereichern unsere Nachwelt durch ein verbessertes Verständnis von Abschied und dem Tod; der Tod als Übergang in etwas Neues.

Chestney, Nina (2012): Body disposal technology widens green fun-eral choice. In: Reuters.com, 14.09.2012.
Online unter https://www.reuters.com/article/us-death-funerals/body-disposal-technology-widens-green-funeral-choice-idUSBRE88C0HA20120914?feedType=RSS&feedName=scienceNews&utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter&dlvrit=309301 (30.01.2021)

 

Mymoria (2021): Umwelteinfluss. Ökobilanz einer Kremation.

In: Mymoria.de, 30.01.2021. Online unter https://www.mymoria.de/bestattung/umwelteinfluss-oekobilanz-einer-kremation/ (30.01.2021)

 

Noah (2020): Innovation auf allen Ebenen. Konsequente Gestaltung für die Zukunft. Fischer Verlag: Bergisches Land, S. 286.

 

Witte, Patrick (2014): Umweltfreundliche Krematorien. Sauber im Abgang. In: Spiegel.de, 03.10.2014. Online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/umweltfreundliche-krematorien-moderne-technik-gegen-schadstoffe-a-989686.html (29. 01. 2021).