#3 Nippes 2.0

In Zeiten des Klimawandels und der knapper werdenden Ressourcen hat die Stadt der Gegenwart, und erst recht die Stadt der Zukunft, eine Verantwortung. Eine Verantwortung hinsichtlich einer wesentlichen effizienteren Energieversorgung und klimaneutralen Bebauung. Zugleich müssen auch die Bewohner ein nachhaltiges Bewusstsein entwickeln.
Die Stadt, als Beispiel Köln, braucht ein Update. Wie das aussehen könnte, zeigt mein Konzept, angewandt auf den Bezirk „Nippes“. Mein Ansatz war keine neue Stadt zu entwickeln, kein futuristisches und neuartiges Köln zu erschaffen, sondern ohne große Investitionen und mit den einfachsten Mitteln die Natur zurück in die Stadt zu holen.

Warum Nippes? Nun, zum einen, weil ich dort lange Zeit gewohnt habe, und mit der Bebauung, der Stadtplanung vertraut bin, aber auch, weil das Veddel offen für Veränderungen ist und bereits einen grüneren Anstrich hat. Durch das „Sechzigviertel“ existiert zudem eine autofreie Wohnlandschaft inmitten von Grünflächen. Gefühlt sind hier also vermehrt sozialökologische Milieus zu finden.

 

Der offensichtliche und sich bereits in aller Munde befindliche Aspekte ist die Reduktion, oder gänzliche Verbannung von Autos aus dem Innenstadtbereich. Denn einen Großteil des Stadtbilds prägen nach wie vor die privaten PKW. Keine kleinen Stadtflitzer, sondern oft SUVs oder Mittelklassewagen, die im Durchschnitt 23 Std. am Tag stehen. Hier geht meiner Meinung nach eine Menge Lebensqualität verloren und auch die Chance auf ein grünes, nachhaltiges und umweltfreundliches Miteinander.

Bei einer Hochrechnung aller sich befindlichen Autos im „Nippesser Gürtel“ inkl. der innenliegenden Nebenstraßen komme ich auf 2877 Autos. Der Platzverbrauch eines PKW entspricht ca. 10 qm. Wenn man nun die 10 qm mit den 2877 Autos multipliziert, ergibt das 28770 qm Platzeinnahme für die parkenden Autos. Oder anders ausgedrückt, über vier Fußballfelder, voll von dicht geparkten PKW. Das geht anders, und muss auch anders gehen, wenn die Klimaziele eingehalten und die Lebensqualität aufgewertet werden soll.

 

Der Kernbereich von Nippes ist von einer Art Straßengürtel umgeben. Die Kempener- und Neusser Straße laufen anfangs parallel zueinander, treffen sich dann im zugespitzten Winkel und schließen sich zusammen. Diese zwei Hauptstraßen sind vierspurig, wobei jeweils zwei Fahrspuren als Parkstreifen dienen. Dieser Gürtel wird nach meinem Konzept auf zwei Fahrspuren für Autos reduziert und zu einem Art Rundweg mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h. Im Kern allerdings sind Autos verboten, eine Fahrspur wird jedoch für Ausnahmen wie Rettungswagen, Krankentransport oder Umzüge befahrbar sein. Fahrradwege werden sowohl innen, als auch im Gürtel ausgebaut und Vorrang haben.

Der gewonnene Platz kommt der Natur und der Nachbarschaft zu Gute. So entstehen vor jeder Haustür – auf jeder Straße, kleine parkähnliche Flächen. Zugleich sinkt auch der ehemals laute Geräuschpegel beträchtlich. Sharingkonzepte für Fahrräder und Elektroroller werden an allen Eckpunkten bzw. in etwa alle 500 m angeboten. Kleine Stationen, wo die Räder abgeholt und hingebracht werden, verhindern den lieblosen Umgang mit den Leihrädern und eine bessere Wartung wird ermöglicht.

Die bislang sehr einfach gehaltene Parkplatzfläche an der Haltstelle Neusser Straße wird als Parkhaus mit 3 – 4 Ebenen konzipiert, in denen ca. die Hälfte aller Autos Platz finden, die durch die Umstrukturierung verdrängt wurden. Des Weiteren gibt es gesonderte Stellflächen für Gemeinschafts-PKW, die kostenfrei geparkt werden können. Durch die unmittelbare Nähe der Bahnlinien und dem guten Anschlusspunkt an Straßen ist der Platz ideal.

 

Das Parkhaus dient aber nicht nur als stiller Bewacher der Autos, sondern schafft auch Raum für Mensch und Tier. Die gezielte Außenbegrünung ermöglicht es, unter anderem wieder Singvögeln ein Zuhause zu bieten. Außen finden Cafés und kleine Geschäfte Platz. Das Parkhaus wird also wortwörtlich zum Parkhaus und verdrängt auch so auf subtile Art und Weise weiterhin das Auto aus seinem extra dafür gebauten Gebäude.

Die verdrängten PKW werden durch kostenfreie öffentliche Verkehrsmittel ersetzt und durch das umfangreiche Sharingangebot von Fahrrädern und Elektrorollern abgefangen. Da die Kosten für die teure Instandhaltung des Straßennetzes sich reduzieren und auch bereits in anderen Städten ein kostenloser Nahverkehr funktioniert, ist dies also durchaus realistisch.

Mit diesen recht einfachen Mitteln kann ein Stadtbild 2.0 entstehen und auch die Gesellschaft in ihren festgefahrenen Strukturen lockern.  Durch den merklichen Platzgewinn werden die Anwohner ein ganz neues Stadtbild erleben und ein besseres, ganz neues Lebensgefühl erfahren. Die „fehlenden“ Autos werden schnell an ursprünglicher Relevanz verlieren, da es eben auch ohne geht und der Verlust der Autos ein Gewinn von Lebensqualität bedeutet.

Bei der Stadtneugestaltung geht es vorranging um zwei Strategien. Zum einen dem Klimawandel positiv entgegenzuwirken, zum anderen, sich auf ihn einzustellen. Konkret bedeutet das erstens nicht mehr auf fossile Brennstoffe zu setzen, energieeffizientere Maßnahmen zu ergreifen und in Kreislaufwirtschaften zu denken. Zweitens die vermehrten Überschwemmungen, Stürme, Trockenperioden, also die Wetterextreme, mit in die Modernisierung einzuplanen.  
Hauptsächlich geht es in meinem Konzept darum, den Stadtraum „grüner“ zu machen. Denn die Natur dient auf unterschiedlichsten Ebenen als effizientes und sehr wirksames „Allheilmittel“.

Back to the Roots.

 

Besonders gegen die Wetterextreme muss die Stadtgestaltung gewappnet sein, aber auch daraus Potenzial schöpfen. Bepflanzte Dächer schaffen nicht nur neue Biotope für Pflanzen und Insekten, sondern helfen auch, Gebäude besser zu dämmen bzw. vor Hitze abzuschirmen. Sie binden CO2 und helfen bei den ebenfalls verstärkten Sturzregen die Kanalisation zu entlasten. Das Regenwasser wird aufgenommen, was zugleich wieder verdunsten kann und gegen die Trockenheit angeht; ein Kreislauf, der wieder unterstützt wird. Des Weiteren sollten die Dächer mit Photovoltaik und gegebenenfalls Windturbinen ausgestattet werden, denn der immense Platz von Dächern sollte bestmöglich genutzt werden. Somit sind begrünte Dächer mit Energiegewinnung ein großer Schritt Richtung klimagerechter Zukunftsentwicklung.

Da die fossilen Brennträger dadurch aber noch nicht gänzlich abgelöst werden können, stehen zur nachhaltigen Energiegewinnung Biomassen hoch im Kurs. Besonders Algen könnten für die städtische Versorgung interessant sein.

Algen wachsen besonders schnell und fast überall, erreichen also innerhalb einer kurzen Zeit eine große Biomasse, binden CO2 und können auch ganzjährig geerntet werden. Durch ihre Photosynthese kann die unter anderem erzeugte Glukose zur Energiegewinnung genutzt werden, die bei Algen frei von Schadstoffen wie Schwefel oder Stickstoff ist.

 

Durch die öfter vorkommenden plötzlichen und starken Niederschläge muss auch das Wassermanagement in der Stadt angepasst werden. Zum einen ist das Regenwasser eine wichtige Ressource, zum anderen kann es auch einen großen Schaden anrichten, wenn die Wassermassen ungebändigt ihren Lauf nehmen. Aber Wasser kann auch für einen attraktiven Lebensraum „gebändigt“ und zugleich als Bewässerungssystem genutzt werden. Das Nippesser Tälchen, ursprünglich ein alter Rheinausläufer, dient hier als Feuchtgebiet, jedenfalls zum Teil und kann sich bis zur Bahnlinie, aber auch in die Wohngebiete, ausdehnen.

Die Feuchtgebiete können besser Wasser aufnehmen und zugleich filtern und zur Verbesserung der Wasserqualität beitragen. Besonders im Sommer dienen sie zur Abkühlung, sowohl fürs Klima, als auch für Alt und Jung.

 

Die gewonnen Freiflächen sollen unter anderem für das „urban farming“ genutzt werden, also die partielle Landwirtschaft innerhalb der Stadt. Sie trägt nicht nur dazu bei, die Lebensmittelversorgung zu erweitern, sondern auch transparenter zu gestalten. Für jeden zugänglich, als kulturelles Ereignis und dann als Selbst-verständlichkeit im urbanen Raum.

Das Fehlen dieser direkten Verbindung, z. B. in der Lebens-mittelindustrie, schafft Probleme. Fleisch wird kaum noch geschätzt, da man die Herkunft verdrängt hat, Gemüse, Brot und andere Erzeugnisse werden im Supermarkt gekauft, ohne sich über den Aufwand, aber auch die Anzucht, Gedanken zu machen. Hauptsache günstig und keine Makel.

Das „urban farming“ soll diesem Verlust an Wertschätzung entgegenwirken, und zwar, indem die Landwirtschaft für jeden sichtbar ins Stadtbild integriert wird. Mitmachen: Gerne!

„Die Nahrungsmittelproduktion soll wieder ins Bewusstsein der Menschen rücken – und deren Ernährung ohne lange Transportwege sichergestellt werden“ (Borries, von 2012, S. 40-41).
Seien es der kleine Kräutergarten vor der Haustür, die gepflanzte „Kartoffelstraße“ am Rand der Neusser Straße, oder das vertikale Farming von Algen an Gebäuden. „Eine moderne Mischung aus Schrebergarten, Gemüseparadies, Bildungsgarten und Gartencafé.“ (Borries, von 2012, S. 41).

Wichtig ist es aber auch, die Natur Natur sein zu lassen. Ein Ort, an dem sich die Sträucher, Blumen und Gräser ungestört entfalten können und damit auch die Biodiversität sowohl in der Flora, als auch in der Fauna zu unterstützen. Die grünen Freiflächen ermöglichen einen besseren Austausch zur Nachbarschaft, eine ruhigere Umgebung und somit auch ein besseres Lebensgefühl.

Monopolstellungen, bspw. von Amazon und damit einhergehende Onlinebestellungen, aber auch große Einkaufszentren am Randgebiet, setzen dem Innenstadtsterben immer mehr zu. Kleine lokale Läden können sich, auch aufgrund der Mieten, kaum noch halten, tragen aber zu der Stadtlebendigkeit und dem nachhaltigen Anspruch bei. Die Diversität geht verloren, wenn nur noch einige große Supermärkte und Baumärkte in der Stadt vorkommen und ansonsten alles digital gekauft wird. Mein Konzept hilft zusätzlich dem Innenstadtsterben entgegenzuwirken. Zum einen verleiten die wegfallenden Autos dazu, die nähere Umgebung zu entdecken und laden zum lokalen Einkaufen ein. Aber auch der Lebensraum an sich wird attraktiver und daher werden auch die Cafés und kleinen Läden ein größeres Publikum empfangen können.
Kleine regionale und besondere Läden steigern die Attraktivität des Viertels und der Innenstadt, sowohl für die dort ansässige Bevölkerung, aber auch für den Tourismus und umliegende Bewohner. Sie mindern den ökologischen Fußbadruck durch lokale Produkte und verminderte Logistik, steigern aber auch die Vielfalt. Hier entstehen weniger Konkurrenten, sondern vielmehr eine dynamische Entwicklung und eine wechselseitige Symbiose und Inspiration.

 

Auch wenn dieses Update nicht der finale Masterplan ist, nicht unbedingt die Rettung der Welt bedeutet, ist er ein wichtiger Ansatz und Schritt in die richtige Richtung. Ein Ansatz, der eine Wende, ein neues Bewusstsein, einläuten kann und soll, ohne dafür viel tun zu müssen. Es braucht „lediglich“ Überzeugungsarbeit, den Willen der Politiker und Bürger, um die Stadt zukunftsfähig gestalten zu können. Utopische Gedankengänge brauchen heutzutage pragmatische Entwürfe. Genau das schafft das Konzept Nippes 2.0.

Borries, Friedrich von (2012): Zehn Thesen für die Stadt von morgen. In: Welzer, Harald / Wiegandt, Klaus (Hrsg.): Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung. Fischer Verlag GmbH: Frankfurt am Main, S. 40-64.