#2 Stattlicht

Gezielte städtebauliche Eingriffe können soziale Prozesse auslösen und Integration fördern. Was Menschen in Stadtzentren frei und kostenlos tun können, macht eine Stadt lebens- und wohnenswert. Deshalb haben öffentliche Plätze, Parks und Freizeitgelände eine Umverteilungsfunktion, sie korrigieren soziale Ungleichheiten (vgl. Detterer 2016). Teilhabe verbessert die Lebensqualität: Städte brauchen also Orte der Begegnung, die allen zugänglich, leicht erreichbar und dementsprechend konzipiert und umgesetzt sind.

 

Das Konzept Staatlicht nimmt sich dieser Thematik an und bezieht dabei zugleich die oft einseitig genutzten Straßenlaternen ein. Ähnlich wie bei den Autos, ist die Nutzungsdauer der Lichtgeber gering. Durchschnittlich 10 Std. am Tag erfüllt die Laterne ihren Dienst. Sobald es hell ist, steht sie einfach nur im Wege. Viel Material und Platzbedarf für Licht.

Früher diente das Licht in Form des Feuers als ein Ort der Wärme und des Zusammenkommens, an dieser Faszination hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings scheint eben jener soziale Aspekt verloren. An diesem Punkt setzt das Konzept STATTLICHT an: Es gibt der Beleuchtung einen neuen Charakter, indem die ursprüngliche Gemeinschaftsbildung und das Feuer wieder aufgenommen werden.

 

Im Rahmen des Projektes „Die Schattenseiten des Lichts“ habe ich eine kleine Zeitreise unternommen, eine Reise in die Vergangenheit, um den Ursprung des Lichts in Bezug zur Gemeinschaft zu untersuchen. Heute sind Städte durch unzählige „Lagerfeuer“ in Form von Straßenlaternen beleuchtet, denen kaum Beachtung geschenkt wird – oftmals werden sie sogar als störend empfunden. Fremdkörper im urbanen Raum, die oft im Weg stehen, Fußgänger und Fahrradfahrer zum Ausweichen zwingen und sogar zur Gefahr werden können.

Dass man die bestehenden (Licht-) Strukturen nicht von einem Tag auf den anderen beseitigen kann und auch die Beleuchtung durchaus ihren Sinn hat, ist verständlich. Was aber möglich ist, ist dem kahlen Laternenpfahl einen Mehrwert zu verpassen. Die Straßenlaterne wird in die Gesellschaft involviert und hilft dabei, die Bürgerinnen und Bürger mehr in das Stadtgeschehen zu integrieren. Bücherschränke, Kleiderhaken und Tauschkörbe, die sich einfach an dem Laternenmast anbringen lassen, schaffen einen sozialen Ort der Zusammenkunft und des Austausches.
Sei es das übrig gebliebene Obst nach dem Markt am Wilhelmplatz, das ansonsten auf dem Boden landet, die gefundene Sonnenbrille auf der Straße, oder die Basilikumpflanze. Der Tauschkorb schafft eine Teilhabe der (Stadt-) Bewohner und hilft, auch ausrangierten Gegenständigen ein neues Zuhause zu bieten.

 

Die Bücherorte an den Laternen ergänzen die bekannten und bereits etablierten Bücherschränke. Jeder kann hier Bücher ablegen und entnehmen. Zusätzlich sollen hier auch verschiedene kostenfreie Aufklärungsmaterialien Platz finden. Der Schrank ist zu allen Seiten geschützt vor Wind und Wetter und lässt sich durch eine durchsichtige Schiebetür öffnen. Auf der Rückseite lassen sich unterschiedliche Zeitschriften und Magazine tauschen.

 

Informationsschilder klären über ökologische Themen und deren Wichtigkeit und Mehrwert auf. Sie dienen zudem als eine Art Berichterstattung für den vor Ort stattfindenden urbanen Wandel. 

„Der Wilhelmplatz wird umgestaltet?!“ „Aha interessant“, „oh, so soll er aussehen“, „schön“, „ah ja darum, ja das macht Sinn!“ Dadurch fühlen sich die Anwohner gut involviert, finden auch Kontaktadressen für Anregungen, Fragen und Kritik und kommen wieder zu einem Austausch zusammen. Die Neuinterpretation der Straßenlaterne bildet so eine Brücke der Information. Um dieses Tauschangebot und den Ort der Zusammenkunft gut nutzen zu können, sind an den Straßenlaternen kleine Sitzbänke angebracht. Die zugewandte Anordnung macht es den Passanten leicht, miteinander in den Austausch zu kommen.

Als Hauptmaterialien sind Stahl und die heimische Lärche angedacht. Die Add-ons werden mit Hilfe von Patenschaften gepflegt und betreut. Ein Button zeigt zudem die Funktionen des jeweiligen Add-ons und animiert die Passanten dazu, sich auszutauschen und sich mit den Informationen auseinanderzusetzen.

 

Ein weiterer Punkt, den das Konzept Stattlicht abdeckt, ist der Aspekt der Lichtverschmutzung. Die künstliche Beleuchtung unseres Planeten nimmt jährlich um etwa 2 % zu und das, obwohl unsere Städte zum Teil 4.000-mal heller sind, als das natürliche Nachtlicht. Unsere innere Uhr bestimmt nicht nur, wann wir uns müde fühlen, sondern steuert auch die täglichen Zyklen von Stoffwechsel, Hormonen und beeinflusst das Immunsystem. Zu viel künstliches Licht unterdrückt die Produktion des „Schlafhormons“ Melatonin, wodurch die innere Uhr des Menschen gestört wird. Dies kann wiederum zu Schlafstörungen führen, aber auch unseren ganzen Biorhythmus durcheinanderbringen und Krankheiten fördern. Insbesondere das blaue, kalte Licht der LEDs, wirkt auf uns wie Tageslicht und hält uns wach.

Doch auch nachtaktive Vögel und Insekten werden in ihrem Rhythmus oder bei der Orientierung gestört. Insekten umkreisen das Licht – und kommen von einer Straßenlaterne nicht mehr weg. Sie orientieren sich eigentlich am Mondlicht und umschwirren dann fälschlicherweise die Laterne bis zur Erschöpfung; bis zum Tod.

Viele Vögel kollidieren nachts beispielsweise mit beleuchteten Hochhäusern und verenden qualvoll. Zugvögel werden von ihren gewohnten Routen abgelenkt und fliegen dadurch mitunter weite Umwege. Singvögel verändern durch die nächtliche Dauerbeleuchtung ihr Sing- und Fortpflanzungsverhalten. Und auch den Sternenhimmel zu betrachten wird immer schwieriger. Dieses einzigartige Naturschauspiel gehört möglicherweise bald der Vergangenheit an.

 

Der Leuchtenschirm in Kombination mit dem Bogen zitiert eine ursprüngliche Laterne und somit auch das Feuer, also das natürliche und angenehme Licht. Zugleich schafft er aber auch einen gezielten Lichteinsatz, sowohl im Abstrahlwinkel, als auch in der Farbtemperatur und Intensität. Dazu wird auf amber farbenes und schwächer eingestelltes Licht in Form von LEDs gesetzt. Das gelbe Licht beeinflusst weder (bzw. sehr gering) den Orientierungssinn der Insekten, noch den natürlichen Biorhythmus des Menschen. Durch das wesentlich angenehmere Licht gewinnen der Platz bzw. die Straßenzüge an mehr Charme für Mensch und Tier, was sich automatisch bei den Bewohnern bemerkbar macht. Die Informationsschilder klären hier ebenfalls zum Thema Lichtverschmutzung auf und sollen die Passanten zum Umdenken animieren. Die Kombination aus Information und Erlebnis verdeutlicht, dass das Konzept ein Mehrwert auf allen Ebenen schafft.

Detterer, Gabriele (2016): Städte weisen den Weg in Richtung Gleichheit. Interview mit Alejandro Aravena. In: Neue Zürcher Zeitung, 30.7.2016. Online unter http://www.nzz.ch/feuilleton/architektur-und-gesellschaft/alejandro-aravena-ueber-gesellschaftlich-wirksames-bauen-pragmatik-mit-kreativitaet-verbinden-ld.108124 (29. 01. 2021).